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04. Januar 2026, Greven, St. Josef

2. Sonntag nach Weihnachten 2026

 

Eröffnung
 

„Im Anfang war das Wort“. So beginnen die Jesus-Erzählungen des vierten Evangelisten, Johannes. Er stellt ein theologisches Gedicht an den Anfang. Das ist sein Prolog, seine Vorrede. Sie wird als Festevangelium des Ersten Weihnachtstages verkündet. Jetzt, am zweiten Sonntag nach Weihnachten, hören wir es ein weiteres Mal.     
Die Frühen Christen sehen Jesus als Prolog, als Vorwort. Gottes Vorwort. Unermüdlich verkörpert Jesus ein anderes Anfangen, das neue Beginnen. Auch deswegen ist Jesus, Gottes Lebenswort, geblieben. Er begleitet die menschliche Geschichte bis zu ihrem Ende, bis zu ihrer Vollendung. Auch unser Glauben, Hoffen und Lieben trägt dazu bei, dass Jesus, Gottes Lebenswort, bezeugt, gehört und gefeiert wird. In dieser unserer Welt. Zu ihrem und zu unserem Heil.

 

Predigt
(Sirach  24,1-2.8-12; Ps 147, 12–13.14–15.19–20; Epheser 1, 3–6.15–18; Joh 1, 1–18)
 

„Jetzt fange ich an, jetzt kann es losgehen!“ Daraus spricht Vorfreude. Oft schwingt aber auch die Frage mit: „Wie wird es wohl werden? Hoffentlich gut!“

Anfänge, die wir entwerfen, die wir gestalten und vollziehen: Wie viele hat es auf unsern Lebenswegen schon gegeben! Darüber haben wir nicht Buch geführt.  –

Manche Anfangsmomente stehen uns noch bevor. Viele? Wenige? Auch das wissen wir nicht.

Augenblicke des Beginnens – da gibt es zum einen solche, die unsern aktiven Einsatz erfordern, von ihm abhängen. Andere Anfänge unterscheiden sich davon grundlegend. So bedeutungsvoll sie sind – diese Anfänge gibt es nicht, weil wir uns dazu entschlossen, sie in Gang gesetzt haben. Es gibt sie, weil sie sich anderweitig eingestellt, sich ergeben haben. Dann sage ich nicht: „Ich bin angefangen“, sondern: „Es hat angefangen“. Im ersten Fall, „ich bin angefangen“, kann ich den gesamten Vorgang und meine Rolle darin beschreiben. Im zweiten Fall – etwa, wenn es um den Beginn meines Da-Seins überhaupt geht – ja, da muss ich passen. Diesen Start kenne ich nur vom Hörensagen. Dieses Wann und Wie – davon müssen andere mir erzählen. Denn meine Existenz, mein Leben regte sich, begann sich zu entfalten, als ich mit mir noch nichts anzufangen wusste. Gar nichts. Geschweige denn mit dem Rest der Welt.

Noch viele Anfänge gibt es, da war niemand von uns mit wachem Bewusstsein dabei. Wir sind dann geneigt achselzuckend anzunehmen: Nun ja, darüber können wir dann eben nichts wissen, nichts sagen. – 
Gut, dass es dabei nicht bleibt. Diese Anfänge lassen das nicht zu, machen von sich reden. Sie selbst, die unser Zugriff nicht erreicht, teilen sich uns mit. Sie bezeugen sich selbst, möchten wahrgenommen werden. Und so fängt die Bibel an mit diesem ersten Satz: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Genesis 1,1). Und die ersten Worte des vierten Evangeliums lauten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott“.

Dieses Eröffnungswort der heutigen Eucharistiefeier Anfang Januar 2026 umschreibt eine andere biblische Einsicht der jüdischen Weisheit so: „Als tiefes Schweigen das All umfing / und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, / da stieg dein allmächtiges Wort, o Herr, / vom Himmel herab, vom königlichen Thron“ (Weisheit 18, 14-15).

In der ersten Lesung, die wir gerade hörten – da ist es Frau Weisheit selbst, die auf uns zutritt, sich vorstellt und sagt über sich sagt: „Vor der Zeit, am Anfang, hat er mich erschaffen, und bis in Ewigkeit vergehe ich nicht“ (Sirach 24,9).

Von Gott her sind alle lebenden Wesen Geschwister. Weil er sie erschaffen hat. Diese geschwisterliche Verbundenheit, die niemanden ausschließt, hat Jesus, Bruder aller Menschen, neu entdeckt. Diese Geschwisterlichkeit kann von keiner Grenze zwischen Ländern und Völkern und Gruppen in Frage gestellt oder aufgehoben werden. Denn dazu – zu dieser Verbundenheit als Schwestern und Brüder auf unserer Erde – dazu hat Gott uns erwählt vor der Erschaffung der Welt. Im Voraus hat er uns dazu bestimmt, aus Liebe (Epheser 1,5.4).

Liebe – davon versteht Gott am meisten. Wenn wir wollen, können wir gute Zweite sein. So, wie jeder Mondstrahl guter Zweiter ist: Als Widerschein der Sonne folgt er seiner Bahn auf der anderen Seite unseres Planeten, wird zu unserm Lichtzeichen im Dunkel der Nacht. So kann Gottes Anfang vor aller Zeit in uns aufleben, seine schöpferische Gegenwart im ewigen Jetzt seiner Liebe.

Nun erfahren wir aber: Wir Menschen können lieblos sein. Und wie! Wenn ich lieblos bin, gebe ich Gott zu verstehen: Deine Liebe – ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Vielen anderen geht es ebenso. Zur Welt, wie wir sie uns eingerichtet haben, passt sie nicht, Gottes Liebe.

Trotzdem, er meldet sich noch, der Wunsch: Wenn wir doch umkehren könnten! Wenn wir uns doch unserm Schöpfer anvertrauen könnten, einfach überlassen – gerade auch in diesem Unvermögen unserer Lieblosigkeit, diesem Verhängnis unserer Gleichgültigkeit!

Ob es hilft, wenn wir uns von Frau Weisheit erzählen lassen, wie sie als kleines Mädchen den Morgen der Schöpfung miterlebt hat? Sie sagt, so steht es im Buch „Sprichwörter“:
„Als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund.“

Frau Weisheit hat wohl nichts dagegen einzuwenden, wenn ich, ein Mann, jetzt ihre Worte vortrage, vorsinge.
 

„Der Herr hat mich erschaffen als Anfang seiner Wege,
als erstes seiner Werke, vor langer, langer Zeit.
In ferner Vorzeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde.
Der Herr hat mich geschaffen vor langer, langer Zeit.“
 

„Als Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren,
als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen.
Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren.
Noch hatte er die Erde nicht gemacht und die Fluren
und alle Schollen des Festlands.“

„Der Herr, hat mich erschaffen …“
(Sprüche 8,22-26)

 

Schlusswort
 

Jesus verkündet das Gotteswort nicht nur. Er ist es. In der Verbundenheit mit ihm nimmt es auch Gestalt an in unserem eigenen Fleisch und Blut. So werden wir erfüllt und belebt vom schöpferischen Atem, der Worte des Lebens empfängt und weitergibt – auch den Segen, das Schlusswort unserer Feier.                                    
Der ewige Gott segnet und behütet uns. Er lässt sein Antlitz über uns leuchten und ist uns gnädig. Er wendet uns sein Angesicht zu und schenkt uns Heil, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen

Heinz-Georg Surmund

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